2011

Kurzprotokolle
Runder Tisch „Gedenkstättenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern“ am 20. und 21. März 2011 in Stralsund und Prora
und Runder Tisch „Gedenkstättenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern“ am 24. Oktober 2011 in Güstrow

Kurzprotokoll: Runder Tisch „Gedenkstättenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern“ am 20. und 21. März 2011
Auf dem zweitägigen Seminar standen Fragen der Erinnerungsarbeit zum historischen Ort Prora sowie die landesweite Vernetzung von Gedenkstättenarbeit im Mittelpunkt. Da in Prora zwei Einrichtungen arbeiten, waren zwei Seminartage für die Durchführung des Runden Tischs notwendig.

Andreas Wagner führte in das Seminar ein. Da der erste Referent wegen einer Erkrankung kurzfristig hatte absagen müssen, gab Andreas Wagner eine kurze Einführung zur Geschichte Proras und skizzierte einige Veränderungen im Umgang mit diesem Erinnerungsort in den letzten zwanzig Jahren. Daran schloss sich eine intensive Diskussion an, in der es vor allem um das Verhältnis zwischen den unterschiedlichen Vergangenheitsschichten von Prora ging, um die Aufarbeitung der DDR-Geschichte, das Selbstverständnis der Einrichtungen und die Erwartungen der BesucherInnen an den Ort. Die Diskussion um den Erinnerungsort Prora ist in den letzten Jahren thematisch erheblich breiter geworden. Gleichfalls plädierten mehrere TeilnehmerInnen dafür, das Thema Großbauten im Nationalsozialismus als Ausgangspunkt und Schwerpunkt für die weitere Bildungsarbeit zu nehmen. Dennoch haben sich im Spannungsverhältnis zwischen Forschung, Zeitzeugenerinnerung, Erinnerungskultur und Politik die thematischen Schwerpunkte in der Wahrnehmung von Prora verschoben, die DDR-Geschichte hat an Bedeutung gewonnen.

Frank Bajohr bot im Folgenden einen Vortrag zur Bedeutung der „Volksgemeinschaft“ für die NS-Geschichte. Die Volksgemeinschafts-Ideologie und die NS-Politik sind in den letzten Jahren stärker in das Blickfeld der Forschung gerückt, um die Frage zu beantworten, wie es den Nationalsozialisten gelang, gesellschaftliche Unterstützung zu gewinnen. Außerdem stellt sich die Frage, warum im internationalen Vergleich in Deutschland Gemeinschaft sehr viel höher bewertet wird. Frank Bajohr arbeitete die Besonderheiten der NS-Volksgemeinschaft heraus und bezog abschließend die Ergebnisse seiner Untersuchung auf den Erinnerungsort Prora, wo sich die Bedeutung und Wirkungen der NS-Volksgemeinschaft sehr gut sichtbar machen lässen.

Als dritter Referent bot Nils Köhler einen Einblick in neue Forschungsergebnisse zur Geschichte der Kriegsgräberstätte Golm und eines Massensuizids in Teterin bei Anklam. Mit einer Powerpoint-Präsentation illustrierte er nicht nur seinen Vortrag, zeigte neu erschlossenes Bildmaterial und vermittelte einen plastischen Eindruck vom Projekt in Teterin. Anschließend wurden vor allem Fragen zur Erinnerung an die Selbsttötungen von Deutschen während der Besetzung 1945 gestellt, die sich auf die Instrumentalisierung dieser Opfer durch Rechtsextreme, die Ambivalenzen in der Bewertung der Ereignisse sowie die Sprache und Formen des Erinnerns bezogen.

Im abschließenden Teil des ersten Veranstaltungstags standen Fragen der landesweiten Gedenkstättenarbeit im Mittelpunkt:

- Arbeitsstand zum Gedenkstättenführer und der Entwicklung der Landesgedenkstättenkonzeption

- Information über die Aktivitäten des Sprecherrates der AG Gedenkstätten zur Verbesserung der Förderung von Gedenkstättenfahrten für allgemeinbildende Schulen in M-V. Um die Kenntnis des Förderprogramms zu verbessern, regt der Runde Tisch an, auf den Internetseiten der Gedenkstätten einen Verweis auf das Förderprogramm aufzunehmen. Andreas Wagner fragt nach dem Stand der Bearbeitung unserer Vorschläge im Bildungsministerium und nach der Zukunft des Programms.

- Gabriele Banner brachte den Vorschlag ein, im Rahmen der Regionalbeauftragten für Bildung für nachhaltige Entwicklung Anrechnungsstunden für Gedenkstättenarbeit bereit zu stellen. Dazu müssen wir einen Bedarf nachweisen, der über eine statistische Erhebung belegt werden muss. Frau Banner wird in Zusammenarbeit mit Andreas Wagner diese Erhebung unter den anerkannten Gedenkstätten/ Erinnerungsorten durchführen. Die Teilnehmenden am Runden Tisch stimmten dieser Initiative zu, forderten jedoch eine genaue Tätigkeitsbeschreibung für den/die jeweilige LehrerIn ein, wenn die Zahl der Anrechnungsstunden klar ist.

- Parallel dazu beauftragte der Runde Tisch den Sprecherrat der AG Gedenkstätten, ein Konzept für die Einführung von Gedenkstättenlehrern in M-V möglichst schnell zu entwickeln und in den politischen Raum zu vermitteln.

- Die Internetseite der AG Gedenkstätten muss aktualisiert werden, verantwortlich Nils Köhler. Letzte Protokolle sollen hochgeladen werden und eine Liste von landesweit bedeutsamen Veranstaltungen zu den einzelnen Jahrestagen.

- Heike Müller erhebt zwei Listen, einmal zu den geplanten Veranstaltungen zu 50 Jahre Mauerbau und eine zweite Liste mit möglichen Forschungsthemen. Der Sprecherrat der AG Gedenkstätten wird mit der zweiten Liste Ansprechpartner an der Universität Rostock suchen.

- Um die weitere Professionalisierung unserer Arbeit zu unterstützen, erarbeiten Heike Müller und Ramona Ramsenthaler eine Aufstellung der Anknüpfungspunkte für Gedenkstättenarbeit in den Rahmenplänen und nach den pädagogischen Anforderungen für schulische Angebote.

Außerdem wird Carmen Lange einen Bericht über die Fortbildung „verunsichernde Orte“ an alle Mitglieder des Runden Tischs mailen, um für die Übernahme dieses Angebots nach M-V zu werben.

- Die versammelten VertreterInnen der Gedenkstätten/ Erinnerungsinitiativen beschlossen mehrheitlich, die Amtszeit des Sprecherrats auf drei Jahre zu verlängern. Ebenso erhielt der amtierende Sprecherrat (Heike Müller, Ramona Ramsenthaler, Rainer Stommer, Nils Köhler, Andreas Wagner) eine mehrheitliche Zustimmung zu seiner bisherigen Tätigkeit. Damit wird die nächste Sprecherratswahl 2012 stattfinden. Der Passus zur Amtszeit des Sprecherrats ist in den Grundsätzen der AG Gedenkstätten zu verändern.

- Rainer Stommer informierte über unsere Beteiligung an einem bundesweiten Koordinierungstreffen von landesweiten Netzwerken in Kassel 2010. Der Bericht über dieses Treffen erscheint im Gedenkstätten Rundbrief.

- Der nächste Runde Tisch findet am 24. Oktober statt und wird sich u.a. mit den Gedenkstättenlehrer-Konzepten in Brandenburg und Sachsen-Anhalt beschäftigen. Außerdem wurde vorgeschlagen, 2012 sich über Gedenkstättenarbeit in einem benachbarten Land zu informieren.

Der zweite Veranstaltungstag begann mit einem Besuch im Dokumentationszentrum Prora. Der Projektleiter Jürgen Rostock stellte zunächst die Einrichtung und ihr Selbstverständnis vor. Darauf folgte Christian Dinse mit einer Präsentation zur Bildungsarbeit des Dokumentationszentrums. Die anschließende Diskussion berührte die finanzielle und personelle Ausstattung des Dokumentationszentrums, Angriffe durch Rechtsextreme und die Evaluierung der Bildungsarbeit. In der folgenden Seminarsequenz stellten Christian Schmidt und Marco Esseling einzelne Projekte aus der Bildungsarbeit vor: Bausoldaten und die Materialsammlung „Reisen und Rassismus“. Beide Präsentationen boten zahlreiche Ansatzpunkte für einen Erfahrungsaustausch. Zum Abschluss des Besuchs im Dokumentationszentrum lernten wir die unterschiedlichen Ausstellungen im Haus kennen.

Nach der Mittagspause wechselten wir in die provisorischen Workshop- und Ausstellungsräume von Prora Zentrum e. V. Susanna Misgajski stellte die Einrichtung und ihre Arbeitsschwerpunkte vor. Darauf folgte Claudia Kumke mit einer Präsentation der unterschiedlichen Projektergebnisse und Arbeitsformen in der Bildungsarbeit von Prora Zentrum. Vor allem die Projektergebnisse boten Anknüpfungspunkte für eine lebendige und intensive Diskussion, die sich vor allem auf die veränderten Bedingungen für die historisch-politische Bildungsarbeit 20 Jahre nach der Friedlichen Revolution bezog. Anschließend besichtigten wir die zukünftigen Räumlichkeiten der Bildungsstätte, die sowohl historische Überreste für das KdF-Seebad als auch zur Geschichte der Bausoldaten sind. Susanna Misgajski erläuterte den aktuellen Arbeitsstand und die Planungen für die Bildungsstätte. Am Ende des Tages stand ein Gespräch mit dem Leiter der Jugendherberge, Herr Brosseit, auf dem Programm, das sich vor allem auf die Bedeutung der Bildungsarbeit für die Jugendherberge, der Umgang mit dem historischen Ort und die Planungen für die Zukunft konzentrierte.

Die zweitägige Veranstaltung fand eine gute Resonanz und bot auch außerhalb des Programms verschiedene Möglichkeiten der Kontaktaufnahme und des Erfahrungsaustauschs.

Schwerin, 23. März 2011 Andreas Wagner


Kurzprotokoll: Runder Tisch „Gedenkstättenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern“ am 24. Oktober 2011 in Güstrow

Auf dem Runden Tisch in Güstrow stand die Zusammenarbeit zwischen Gedenkstätten und Schulen im Mittelpunkt sowie im ersten Teil ein allgemeiner Erfahrungsaustausch zu Problemen der landesweiten Gedenkstättenarbeit. Folgende Diskussionsschwerpunkte und Anregungen für die weitere Arbeit kamen zur Sprache:

1. Eine elektronische Fassung des Gedenkstättenführers soll über die Homepage der AG Gedenkstätten in M-V zugänglich gemacht werden. Dazu ist noch die Einverständniserklärung aller Einrichtungen über die Verwendung des Bildmaterials im Internet an die LpB zu geben. Als neue Einrichtung bittet das Wolhynier-Museum Linstow als eine Gedenkstätte für Flucht und Vertreibung um Aufnahme in eine überarbeitete Fassung des Gedenkstättenführers.

2. Die Teilnehmenden plädieren dafür, dass sich die AG Gedenkstätten in M-V für eine Unterstützung des Dialogs zwischen den Gedenkstätten zur NS-Geschichte und denen zur SBZ/DDR-Geschichte einsetzt. Dabei würde es erst einmal um die Offenlegung der gegenseitigen Vorbehalte und erinnerungskulturellen Prägungen gehen. Im konkreten Dialog sollten das Kennenlernen der ostdeutschen Erinnerungslandschaft und konkrete Sachfragen im Mittelpunkt stehen. Ein Schwerpunkt müssten Struktur- und Wirkungsvergleiche zwischen den unterschiedlichen Diktaturen und der Vergleich zwischen DDR und alter Bundesrepublik bilden. Carmen Lange und Andreas Wagner werden ein Positionspapier erarbeiten und wir wollen ein Besuchsprogramm in M-V für westdeutsche KollegInnen anbieten.

3. Der Sprecherrat informierte über das Gespräch mit Vertretern der Universität Greifswald über eine stärkere Zusammenarbeit in den Bereichen der Forschung und Ausbildung. Um ein Gespräch mit Vertretern der Uni Rostock bemüht sich der Sprecherrat weiterhin.

4. Heike Müller stellte den Artikel von Harald Welzer im GedenkstättenRundbrief vor und fragte nach dem Diskussionsbedarf. Eine Mehrheit plädierte dafür, den Artikel als Anlass für eine Selbstreflexion unserer Arbeit in den Gedenkstätten zu nutzen. Weniger die kritische Auseinandersetzung mit dem Beitrag wird dabei im Vordergrund stehen, sondern die Analyse des sich verändernden gesellschaftlichen Umfelds und die Konsequenzen für unsere Arbeit. Wir wollen auf dem nächsten Runden Tisch dazu mit Fachleuten ins Gespräch kommen. So wurden Bert Pampel und Wolf Kaiser mit Überblicksbeiträgen vorgeschlagen und ein Beitrag zum Ablauf von Lernprozessen angeregt.

Der thematische Schwerpunkt „Schulen und Gedenkstätten“ wurde mit einem Bericht von Gabriele Banner zum Sachstand der Bereitstellung von Abminderungsstunden für Gedenkstättenlehrer eingeleitet. Um über die weitere Aktivitäten in diesem Bereich sprechen zu können, stellte im Folgenden Uwe Graf, Gedenkstättenlehrer im Land Brandenburg, seine Erfahrungen zu diesem Modell vor. Dabei betonte er die hohe Kompetenz der Gedenkstättenlehrer, da sie in beiden Bereichen zu Hause sind. Er forderte, man müsse den LehrerInnen Angebote unterbreiten, die ihre Arbeit erleichtern, Fortbildungen müssen sich an den praktischen Bedürfnissen des Unterrichts orientieren. Weiterhin betonte er Langfristigkeit und Kontinuität dieser Aktivtäten. Die Diskussion zu seinem Vortrag konzentrierte sich auf folgende Themen: Lehrerfortbildung, Vor- und Nachbereitung von Gedenkstättenbesuchen, Lehrerausbildung und Arbeit in den Schulen.

Es folgte eine Diskussion zu den Interessen der einzelnen Einrichtungen bezüglich eines möglichen Einsatzes von Gedenkstättenlehrern in Mecklenburg-Vorpommern. Dabei schälten sich folgende Positionen heraus:

- DuG Stasi-U-Haft Rostock hat bereits eine Lehrerin, Silke Gratopp, die an zwei Tagen für die Gedenkstätte arbeitet. Die BStU, Außenstelle Neubrandenburg wird wahrscheinlich zwei LehrerInnen für jeweils sechs Abminderungsstunden zugeteilt bekommen, die sich mit den Orten Fünfeichen, Lernpfad auf dem Lindenberg und Stasi-U-Haft Neustrelitz beschäftigen werden.

- Mehrere Einrichtungen haben ein starkes Interesse, LehrerInnen zur Unterstützung ihrer pädagogischen Arbeit zu bekommen. Wegen des unterschiedlichen Arbeitsumfangs an den verschiedenen Orten wäre eine regionale Zuordnung sicher sinnvoll.

- Das Dokumentationszentrum Demmlerplatz signalisierte, Unterstützung kaum in der pädagogischen Praxis zu benötigen, sondern dringend für die Entwicklung von pädagogischen Ideen und Materialien.

- Es wurde angeregt, über eine pädagogische Werkstatt nachzudenken, in der LehrerInnen sich um die pädagogische Aufbereitung von Themen kümmern, die regional verankert sind, z. B. KZ-Todesmärsche oder Umgang mit lebensgeschichtlichen Erinnerungen.

- Außerdem wurden Vorschläge zur Nutzung von Alternativen, z. B. die Einbeziehung von Ehrenamtlichen oder anderer Berufsgruppen (Bundeswehr) in die Bildungsarbeit, vorgetragen, die aber an eine fachliche Begleitung gebunden sein müssen.

Gabriele Banner wird die Initiative für Abminderungsstunden für Gedenkstättenlehrer weiter verfolgen, jedoch scheint eine Lösung im Schuljahr 2011/12 nicht in Sicht.

Der Blick auf die Zusammenarbeit zwischen Gedenkstätten und Schulen wurde im abschließenden Podiumsgespräch mit zwei LehrerInnen, Silke Gratopp und Gottfried Hägele, noch erweitert. Dabei wurde deutlich, wie stark die schulischen Rahmenbedingungen das Verhalten der Lehrenden beeinflussen, z. B. bürokratische Vorgaben, finanzielle Erwägungen, Unterrichtsabläufe und Lehrplanvorgaben. Frau Gratopp betonte, dass der Gedenkstättenbesuch kein Geschichtsunterricht an einem anderen Ort sei. Außerdem stellte sie ihre Aktivitäten als Gedenkstättenlehrerin vor. Gottfried Hägele verwies vor allem auf die Bedeutung der organisatorischen Rahmenbedingungen für einen Gedenkstättenbesuch: Zeitplan, Pausenregelung, Raumsituation und Verpflegung. Außerdem verweis er auf die Langfristigkeit von schulischen Planungen für Exkursionen. Schüler unterscheiden sich u.a. nach Klassenstufe und Schultyp, darauf müssen sich die Mitarbeiter vorbereiten, was in den einzelnen Einrichtungen unterschiedlich geling. So kommt in den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin die Mehrheit der SchülerInnen von Regionalschulen, außerdem gibt es ein professionelles Angebot für Grundschulen. Ein Erfahrungsaustausch über zielgruppenspezifische Angebote und die Arbeit mit unterschiedlichen Gruppen würde zur Professionalisierung der Arbeit beitragen.

Als nächste Termin und Themen für den Runden Tisch wurden folgende Daten festgelegt:

12. März Runder Tisch im HTM Peenemünde: Selbstverständnis von Gedenkstätten

22. Oktober zum Thema Geschichte der innerdeutschen Grenze, wahrscheinlich an einem Ort außerhalb von M-V

Schwerin, 26. Oktober 2011 Andreas Wagner


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